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2012

Heinrich Heine Institut

Heinrich Heine als Düsseldorfer

Dass Heinrich Heine, einer der international wohl meistgeschätzten deutschen Schriftsteller, in Düsseldorf geboren wurde, wird oft als wenig bedeutend für den kreativen Weg des kosmopolitischen, so lange in Paris lebenden Schriftstellers eingeschätzt. Mir scheint eher das Gegenteil richtig zu sein: Es sind die frühen Eindrücke aus seiner Geburtsstadt, die Heines Denken und Schaffen sein ganzes Leben hindurch beeinflussten.

Der Dichter selbst schildert des Öfteren ihn prägende Momente, und stets sind diese mit seinen jungen Jahren verknüpft. Selbst das Fragment einer Autobiographie, an der Heine in seinen letzten Lebensjahren arbeitete, beschränkt sich (bis auf einige einleitende Worte) auf seine Düsseldorfer Zeit. Einiges dazu soll hier, auch in Heines eigenen Worten, kurz skizziert werden. 


Zunächst ist festzuhalten, dass der junge Harry Heine (aus dem erst die spätere Taufe einen Heinrich machte) in einer nicht zuletzt durch französischen Einfluss außerordentlich liberalen Stadt aufwuchs. Die jüdische Bevölkerung war hier nicht ghettoisiert, sondern Teil der bürgerlichen Gesellschaft. So war etwa der Vater Samson Heine kommandierender Offizier der Düsseldorfer Bürgergarden, deren militärische Eignung freilich Heines satirische Ader stimulierte: „Den Garden meines Vaters fehlte es nicht an einer gewissen Tapferkeit, zumal wo es galt eine Batterie von Weinflaschen, deren Schlünde vom größten Caliber, zu erstürmen.“ Dass der junge Heine im Düsseldorfer Franziskanerkloster „ die erste Dressur erhielt“ (also eine christliche Schule besuchte) und als Zeichenschüler die Düsseldorfer Akademie besuchte, wäre anderswo ebenfalls keine Selbstverständlichkeit gewesen. Für die von ihm so genossenen Errungenschaften der französischen Revolution wie für Napoleon, der diese in geordnete Bahnen gelenkt hatte, behielt der Dichter zeitlebens Sympathie. Als Napoleon 1811 Düsseldorf besuchte, war auch der junge Heine unter den Jubelnden: „Mein Herz schlug den Generalmarsch – und dennoch dachte ich zu gleicher Zeit an die Polizeyverordnung, daß man bey fünf Thaler Strafe nicht mitten durch die Allee reiten dürfe.“

Ein weiteres bürgerliches Amt seines Vaters war für den jungen Harry wesentlich eindrucksvoller als dessen paramilitärische Autorität: Samson Heine war als Armenpfleger tätig. Und obgleich Heine in späteren Jahren durchaus das Problem erkannte, das in der Verknüpfung dieses Amtes mit Samson Heines persönlicher Großzügigkeit lag („Zwischen dem Herzen meines Vaters und seiner Tasche war gleichsam schon eine Eisenbahn eingerichtet“), wurde auf diese Weise früh sein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten geweckt, das immer für ein gewisses Gleichgewicht zu seiner Vorliebe für die schönen Dinge im Leben sorgte: „Apfeltörtchen waren nämlich damals meine Passion – jetzt ist es Liebe, Wahrheit, Freyheit und Krebssuppe.“

Der Onkel Simon von Geldern war es schließlich, der die entscheidenden Impulse zur Schriftstellerei gab und den jugendlichen Heine bei seinen ersten literarischen Versuchen ermunterte. Der nach reicher Erbschaft als Privatier und Gelegenheitsjournalist und -schriftsteller in der Villa „Arche Noae“ residierende Bruder von Heines Mutter stellte nicht nur seine umfangreiche Privatbibliothek zur Verfügung und beschenkte den angehenden Literaten mit kostbaren Werken; vor allem weckte er durch die auf seinem Dachboden aufbewahrten Erb- und Erinnerungsstücke die blühende Phantasie des Jungen, der sich dort stundenlang tagträumend vergnügen konnte. Das Haus des Onkels steht heute noch in der Düsseldorfer Altstadt, und jedem „Düsseldorfer Jong“ sollte es bekannt sein: Die Adresse lautet Mertensgasse 1.

Karsten Lehl