Tischgemeinschaft Reserve Tischgemeinschaft Reserve

Tischgemeinschaft Reserve

2011

TG Reserve auf Tour de Ruhr

Jährliche Radtour der TG Reserve

Wetter/Ruhr war dieses Jahr Ausgangspunkt für die Fahrradtour der TG Reserve. Mit Regionalbahnen reisten die Reservisten an; eine Gruppe auf der historischen Strecke der Köln-Mindener über Erkrath und Hagen, die andere Gruppe auf der überlasteten Ruhrmagistrale über Duisburg und Bochum. Der Anschlusszug von Abellio Rail brachte die Jonges dann doch noch pünktlich zur Wiege des deutschen Maschinenbaus.

 
Friedrich Harkort, der schon ganz früh den Bau der Köln-Mindener-Bahn gefordert hatte und später die Anfänge der Wuppertaler Schwebebahn schuf; dieser Friedrich Harkort fing zunächst mal in Wetter an, Dampfmaschinen zu bauen. Das hatte er sich in England abgeguckt. Solche Maschinen wurden dort bereits zur Entwässerung von Kohlezechen eingesetzt. Dieses Wetter/Ruhr liegt nicht weit vom Muttental entfernt. Dort, in einem Seitental der Ruhr, war die erste deutsche Kohle gefunden worden. Aus den Harkort’schen Anfängen erwuchs die Deutsche Maschinen AG Demag, die gerade am heutigen Sitz in Benrath zusehen musste, wie der amerikanische Baumaschinenriese Terex einzog. 

Die Reservisten zog es gleich am Muttental vorbei bis zur nahen Urzeche Nachtigall. Sie gilt als die Wiege des Ruhrbergbaus. Wetter spielen da eine entscheidende Rolle: Wetter steht im Bergbau für Belüftung. Schlagende Wetter stehen für Gefahr. Und wenn das Holz schreit, wie die Bergleute sagten, dann knirschte es im Stützgebälk. Die Bergleute mussten zusehen, dass sie raus kamen, bevor der Berg runter kam. 

Dampfmaschinen aus Wetter/Ruhr haben tatsächlich die (Zeche) Nachtigall trocken gehalten, als die Bergleute sich mit Hand und Hacke bis 400 m in die Tiefe durchschlugen. Tief beeindruckt sammelte Tischbaas Kurt Büscher seine Herren nach dem gebückten Gang durch den Stollen zum Kaffeetrinken. 

Die zweite Teil-Etappe führte am Kemnader See entlang bis zum Boxenstopp an der Stiepeler Fähre im geradezu idyllischen Teil von Bochum. Damit nicht genug: In Hattingen wartete schon die Frau Dr. der Wirtschaftsgeschichte: Henrichshütte oder, was die Natur sich davon noch nicht zurückgeholt hat. 12.000 Menschen haben hier einst gearbeitet. Man hatte Eisenstein gefunden. Die Kokskohle kam über die Ruhr. Die war damals der am meisten befahrene Fluss in Europa. Geradezu ideal sah das am Anfang für Hattingen aus; auch, wenn Hattingen nicht die Wiege des Ruhr-Stahls ist. Der Eisenstein hielt nicht, was er versprach. Die Ruhr verlor Wasser in den vielen Betrieben, die sich in Wetter und noch weiter oberhalb ansiedelten. Am Ende verlor die Ruhr die Schiffbarkeit. Eisenerz kam lange mit der Bahn aus dem Siegerland über Hagen und Wetter/Ruhr. Den Rest haben die meisten der Jonges noch in lebhafter Erinnerung. Oben am alten Hütten-Schornstein hängt heute ein großes Vogelhaus. Die Häuser in der Altstadt von Hattingen hat man sehr schön hergerichtet. 14 Jonges-Reservisten aus der Landeshauptstadt kehren an diesem Freitagabend dort ein. 

Acht Uhr Frühstück. Reserve hat nicht Ruh. Wenn Heinrich Böll die zweite Etappe durchs Ruhrtal hätte erleben können; er müsste sein Essay über das Ruhrgebiet aus den späten 1950er Jahren neu schreiben. Die Realität sei dort schon so, schrieb er 1959, dass sie niemals würde von der Phantasie eingeholt werden können. Was Böll meinte, war die menschenfeindliche Realität im ewigen Schatten von Zechen, Hochöfen und Dreck, die der eine oder andere der Jonges noch selbst miterlebt hat. 

Der Realität im Ruhrtal, durch das die Reservisten an diesem Samstagmorgen des Jahres 2011 rollen, fehlen nur die Burgen und die Weinberge, dann wär es beinahe so, wie im Weltkulturerbe zwischen Koblenz und Rüdesheim. Da sind die Reservisten vor einem Jahr durch geradelt. Die Realität an der Ruhr hat die Phantasie dermaßen eingeholt, dass Altkanzler Helmut Kohl dereinst schon meinte, die Gefahr des kollektiven Freizeitparks heraufbeschwören zu müssen. 

Die Jonges erreichen die Abteistadt Werden/Ruhr. Nudeln vom feinen Italiener. Zur Schatzkammer der Abtei des heiligen St. Ludger geht es ein Stück den Hügel rauf und dann mit der Historikerin runter in den Keller. Ludger bewies Weitsicht. Er hat Grevenbroich mit seinen kommenden Braunkohle-Tagebauen als Standort seines Klosters verschmäht und stattdessen auf Werdens Steinkohle gebaut. Ludgers Schrein wird heute jedes Jahr durch den Ausflugsort getragen.   
Damit nicht genug: Die Reservisten überqueren die Ruhr. Bergankunft vor Villa Hügel. Und die Geschichte vorgetragen von der Frau Dr. der Geschichte. Sie ist Französin und hat in der Schule nur von der dicken Bertha, von Kanonen und Krieg gehört. Jetzt zieht sie die Jonges in den Bann von Alfred Krupp, von nahtlos geschmiedeten Radreifen für das beginnende Zeitalter der Eisenbahn. Sie erklärt ihnen die Funktion des Bahnhof-ähnlichen Großbaus, eben der Villa Hügel. Alfred hat sie weit draußen aus dem Böll’schen Dreck der historischen Gussstahlfabrik bauen lassen; mit einem Kern aus Stahl - natürlich. Auf dem Stammgelände Gussstahlfabrik an der Altendorfer Straße residiert heute der Weltkonzern ThyssenKrupp in einem visionären Stahlbau. Das Denkmal-geschützte Dreischeibenhaus ließ er achtlos zurück. Die Jonges sind dennoch so fasziniert von den Fotografien aus 200 Jahren der Krupp-Geschichte, dass sie quasi aus der Villa auf dem Hügel hinausgetrieben werden müssen: „Wir schließen um 18 Uhr!“  

Damit nicht genug. Reserve hat nicht Ruh. Sie muss planmäßig noch nach Mülheim/Ruhr. Für die Bergankunft im Stadtteil Speldorf kommt es auf Teamgeist an und auf Reserven in den Beinen. Die Reserve-Krawatten für den Mannschaftsabend hat der Baggagewagen eines Kameraden bereits voraustransportiert. Der Abend wird lang. 

Der Sonntag der Reserve-Tour beginnt erst um Neun. Abfahrt um Zehn. Es beginnt zu regnen. Ziel ist der Spanier im Duisburger Innenhafen. Der letzte Teil-Abschnitt führt durch die Duisburger Kö und schließlich auf bahntechnischen Radreifen und auf Schienen von Thyssen zurück. Diese Reifen brechen in heutigen Zeiten schon mal im Kölner Hauptbahnhof. Aber die Reservisten steigen in der Landeshauptstadt aus. Dank an die Organisatoren für die Fahrrad-spezifische Geschichtstour de Ruhr.2011. 2012 könnte es weiter gehen: Multi-Kulti in Marxloh, Rekultivierung der Emscher-Auen, die Gutehoffnungshütte als Wiege des Ruhrstahls bis hin zum Schalker Markt, wo einst die 1.000 Feuer brannten. Vielleicht holt die Realität die Phantasie noch mal ein.

Martin Beier