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Bericht aus Afghanistan

Bericht unseres Tischkameraden Jürgen Bielor aus Afghanistan

Mittlerweile bin ich schon fast fünf Wochen hier in Afghanistan und habe mich ganz gut eingelebt. Ich hätte es vorher nicht für möglich gehalten, dass man in so kurzer Zeit so viele unterschiedliche Eindrücke bekommen und so viele Menschen kennen lernen kann. Es ist zwar unglaublich viel Arbeit zu bewältigen und es gibt daher kaum Freizeit, die Lebensumstände sind spartanisch, das Essen geht so, aber das waren ja die Herausforderungen, die ich erwartet hatte und auf die ich mich eingelassen habe. Dafür ist es aber auch genau die Abwechslung aus der täglichen Routine, die ich gesucht habe.

Die ersten drei Wochen habe ich quasi nonstop durchgearbeitet. Zurzeit versuche ich, einen annähernd normalen Rhythmus zu finden. Bisher klappt es aber leider nicht. Freitags ist hier in Afghanistan der Wochenfeiertag, so wie bei uns das Wochenende. Eigentlich ist das unser einziger dienstfreier Tag. Aber ich arbeite natürlich doch, und da bin ich nicht der Einzige. Wenn man sich nicht bewusst losreißt, klebt man an der Arbeit und im Büro fest.


Eingereist bin ich am 14. November 2009. Meine Behörde hatte netterweise zugesagt, mich mit einem Dienstwagen zum Flughafen Frankfurt/Main zu bringen; gefahren ist dann einer meiner Wachleiter der Autobahnpolizei. Mein Gepäck, zwei große Blechkisten und zwei Seesäcke, insgesamt 126 Kg, hatte ich vorher schon im Logistikzentrum der Bundespolizei in Swisttal-Heimerzheim gepackt. In Frankfurt stand nun schon alles parat, und der Nachtflug nonstop nach Kabul klappte reibungslos.

Nach ca. sieben Stunden Flugzeit mit Safi-Airways und 3 ½ Stunden Zeitverschiebung dann die Landung um ca. 7: 15 Ortszeit in Kabul. Mit an Bord waren vier Trainingsexperten aus Deutschland, Polizisten aus dem Kriminaldienst, die hier in Mazar-e Sharif einen dreiwöchigen CID-Kurs unterrichtet haben. Gestern hatten diese vier bereits wieder „End of Mission“. Bei der Verabschiedung haben sie sich sehr zufrieden geäußert und waren der Meinung, etwas bewirkt zu haben. Das höre ich natürlich gern. Mit im Flieger waren aber auch viele andere Menschen; ich war erstaunt, wer alles nach Kabul fliegt, in das vermeintliche Kriegsgebiet. Journalisten, NGOs, EUPOListen, GPPTler, Afghanen, Deutsche, Internationale. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten!

Am Flughafen Kabul wurden wir schon von deutschen Kollegen erwartet und abgeholt. Dann direkt zum militärischen Teil des Flughafens – diese kurze Strecke im gepanzerten Fahrzeug mit Schutzweste war schon beeindruckend: wegen der unterschiedlichen Straßensicherungen, der Checkpoints und dem ganzen nun konkret sichtbaren Kriegsgerät war auf einmal klar, dass wir in einem Krisengebiet angekommen waren! - und dann mit einer Transall der Bundeswehr weiter nach Mazar-e Sharif.

Nach einer Stunde Flugzeit Landung auf dem militärischen Flugplatz unmittelbar am Camp Marmal. Auch hier wurden wir abgeholt, unser ganzes Gepäck verladen und zum sog. Wohnshelter verbracht. Da ich ja ein ganzes Jahr bleiben werde und damit ein sog. Langzeitverwender bin, habe ich das Glück, einen Wohncontainer für mich alleine zu haben. Die Kurzzeitexperten wohnen zu zweit auf einer „Stube“. Und ich hatte noch mal Glück: mein Container befindet sich in einem recht neu gebauten Shelter („Copland“) und hat ein eigenes kleines Badezimmer!

Nun gut, der Container ist ca. 10 qm groß und das Bad reduziert die Grundfläche noch einmal. Aber: zwar klein, aber mein!

Nach der Begrüßung durch meinen Vorgänger habe ich direkt an einem Appell der Bundeswehr zum Volkstrauertag teilgenommen. Nach einem langen ersten Tag, abends ausgehungert und übernächtigt, war ich dann froh, in meinem neuen Bett zu liegen. Ich habe geschlafen wie ein Toter, am nächsten Morgen fühlte ich mich wie neugeboren.

Am zweiten Tag mittags, viel schneller als erwartet, dann bereits die formelle Kommandoübergabe (Change of Command) von meinem Vorgänger zu mir.Ein formeller Festakt im GPTC (German Police Training Centre) vor den Toren des Camps, mit vielen Gästen, dabei auch hohe afghanische Polizeigeneräle, Vertreter Auswärtiges Amt, Bundeswehr usw. usw. und natürlich vielen afghanischen Medienvertretern. Auch von mir wurde die erste Rede in englischer Sprache erwartet; als kleine Belohnung dann aber auch mein erstes afghanisches Mittagessen – war wirklich gut! - in der „new dining hall“ des GPTC.

Und so habe ich am zweiten Tag direkt die Verantwortung übernommen - und mein Vorgänger war sichtbar froh, dass er sie hat abgeben können. Knapp zwei Tage später ist er bereits nach Deutschland ausgereist.Zuerst einmal fand ich es wirklich toll, wie ausgesprochen nett und sehr hilfsbereit mich die Kolleginnen und Kollegen empfangen haben. Das war ein echter Ausgleich für die enttäuschende Begrüßung durch meinen Vorgänger. In den ersten Tagen gab es die totale Informations- und Reizüberflutung, und erst nach und nach hat sich der Nebel gelichtet.

Sicherlich weiß ich jetzt, nach fast fünf Wochen, immer noch längst nicht alles. Aber es ist wirklich unglaublich, was man alles lernen und kennen lernen muss und kann, wenn man wie hier ins kalte Wasser gesprungen ist.Mittlerweile bin ich bereits tief eingetaucht und kräftig am arbeiten.

Im Camp gibt es mehrere Betreuungseinrichtungen, Cafés usw. , gute Sport- und Fitnessmöglichkeiten, kostenlose Ausleihe von DVD-Filmen, Kirche, Marketender und norwegischer PX-Laden zum Einkaufen der erforderlichen Dinge, Feldpost, local market mit afghanischen Händlern, Filmabend einmal in der Woche u. ä. – was zumindest mir allerdings fehlt, ist die Zeit, diese Einrichtungen auch zu nutzen. Kommt vielleicht noch!

Dafür gehöre ich zu den knapp 30 % der „Lagerbewohner“, die auch mal raus kommen. Unsere Trainingsexperten bewegen sich im Prinzip nur zwischen Camp und GPTC, das ist eine Fahrtzeit im nahezu sicheren Bereich von guten fünf Minuten. In Frage kommen für einzelne auch Fahrten zum Camp Mike Spann, wo einzelne Trainer wohnen und dort auch ihre Kurse gestalten. Richtig intensiv fahren die FDD-Teams zusammen mit den Feldjägern und ggf. weiteren Sicherungskräften der Bundeswehr raus und machen ihre Arbeit –Erhebung von Daten und Fakten zur örtlichen Polizeiarbeit, -ausstattung usw., Analyse, Mentoring – in den Polizeidistrikten. Ich selber habe schon zwei Teams begleitet und habe so die Chance, auch etwas vom Land und den Menschen zu sehen – und natürlich unsere Arbeit mit der örtlichen Polizei.

Des Weiteren nehme ich repräsentative Termine wahr und führe Gespräche mit den afghanischen Polizeigenerälen, dem Provinzgouverneur usw.Im Camp fühle ich mich so sicher wie zu Hause, das gilt auch für das GPTC. Bei den weiteren Ausfahrten ist man schon sensibler, allerdings habe ich mich noch nie konkret bedroht gefühlt oder Angst gehabt. Ich habe schon den Eindruck, dass es hier im Norden Afghanistans relativ sicher ist, so sicher, wie es hier im Lande überhaupt sein kann. Ich muss aber sagen, dass ich mich hier allerdings deutlich sicherer fühle, als ich es zu Hause in Deutschland erwartet hatte.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, angekommen zu sein, und ich bin zuversichtlich, dass es auch gut weiter gehen kann. Weihnachten und den Jahreswechsel werde ich in diesem Jahr das erste Mal getrennt von meiner Familie im Camp verbringen. Ein bisschen Wehmut wird sicherlich aufkommen. Die Kommunikation mit den Lieben zu Hause per Telefon, SMS oder Mailverkehr klappt aber ohne Probleme, der Post- und Paketversand über die Feldpost funktioniert auch reibungslos – das erleichtert ein wenig die Trennung.

Ich wünsche Euch allen und Euren Familien in der Heimat erholsame und entspannte Weihnachtsfeiertage und für das Neue Jahr viel Erfolg und alles erdenklich Gute.

Jürgen Bielor